Mendelssohn-Haus erhält Manuskript aus dem Besitz der Ururenkelin von Mendelssohns Schwester Rebecka Dirichlet

 
Das Mendelssohn-Haus Leipzig erhielt heute, 30. Mai 2014, ein zeitgenössisches Manuskript einer Mendelssohn-Komposition mit Originaldeckblatt und Widmung aus dem Besitz der Ururenkelin von Rebecka Dirichlet. Die in Rom lebende Mendelssohn-Nachfahrin, Dr. Manuela Vesci, überreichte die Handschrift während eines kleinen Festkonzertes im Salon dem Direktor des Mendelssohn-Hauses Leipzig, JürgenErnst. Dabei handelt es sich um zwei Chöre in der Fassung für Klavier und Männerchor aus der Schauspielmusik zu „Oedipus in Kolonos“. Beide Gesangsstücke widmete Mendelssohn seinem Freund Franz Bernus und versah diese am 14. Januar 1847 in Leipzig mit einem Titelblatt. Die Noten kopierte Mendelssohns Hauptkopist Friedrich Louis Weissenborn, der zudem die gesamte Schauspielmusik MWV M 14 mehrfach vollständig abschrieb. Das Werk „Oedipus in Kolonos“, komponiert im Auftrag des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV., wurde am 1. November 1845 in Potsdam uraufgeführt.
 
Bei den beiden Chören handelt es sich um „Zur rossprangenden Flur“ und „Ach, wär ich, wo bald die Schar der Feinde“. Auf dem Deckblatt schrieb Mendelssohn: „Zwei Chöre aus Oedipus in Kolonos componiert von FMB. Calvier-Auszug. an Franz Bernus zu freundlicher Erinnerung.“ Dank der Vermittlung von Dr. Ralf Wehner von der Mendelssohn-Gesamtausgabe der Sächsischen Akademie der Wissenschaften kehrt das Dokument nun nach 167 Jahren an den Entstehungsort zurück. Für das Mendelssohn-Haus, der letzten baulich erhalten gebliebenen Privatadresse des Komponisten, ist dieses Original von besonderem Wert, befindet sich doch bereits das Textbuch zu „Oedipus in Kolonos“ (Sophokles, Übersetzung von Johann Jakob Christian Donner) mit eigenhändigen Einzeichnungen von Mendelssohn im Besitz des Hauses.
 
Für Dr. Ralf Wehner stellt das Manuskript eine wertvolle Quelle für die Gesamtausgabe dar, da nur autographisches Skizzenmaterial sowie Klavierauszüge von der Schauspielmusik vorliegen. Die Handschrift blieb bis 1913 im Besitz der Familie Bernus und wurde dann von der Galerie Helbing, München, versteigert. Ein weiterer Nachweis findet sich 1934 im Auktionskatalog einer Versteigerung bei Leo Liepmannssohn, wo das Original unter der Nr. 720 aufgelistet ist. Dort wurde es entweder von Rebeckas Enkelin Marie Baum selbst oder von einer Person, die es ihr schenkte, ersteigert. Marie Baum ist eine Schwester der Großmutter von Manuela Vesci und schenkte das Dokument in den 50er Jahren den Eltern Vesci zur Silbernen Hochzeit.
 
Mit Franz Bernus, Senator in Frankfurt, pflegte Felix Mendelssohn Bartholdy ein sehr gutes Verhältnis, wie sich aus der Briefkorrespondenz erschließen lässt. Unter anderem vertonte Mendelssohn 1837 für ihn als Wettschulden zwei Bernus-Texte: „Im Süden“ MWV G 20 und „Jagdlied“ MWV G 21. Der Jurist und Kunstmäzen wiederum schickte die eine oder andere Weinsendung nach Leipzig.
 
Seit dem 3. Februar 2014 verfügt das Mendelssohn-Haus über einen zusätzlichen Museumsbereich, der mittels moderner, innovativer Ideen den Besuchern ein eindrucksvolles Bild über das Wirken Mendelssohns vermittelt. Während in der historischen Etage das 19. Jahrhundert in authentischer Atmosphäre zu erleben ist, bieten die neuen Räume im Erdgeschoss eine intensive Auseinandersetzung mit der Musikwelt aus der Sicht des 21. Jahrhunderts. Ziel ist es, die Historie zu bewahren und sich dieser mit technischen Möglichkeiten der heutigen Zeit zu nähern.
 
In der ersten Etage des Mendelssohn-Hauses ist die Wohnung des Komponisten in ihrer ursprünglichen Gestaltung erhalten. In Felix Mendelssohn Bartholdys Arbeitszimmer, seinen Wohnräumen und im Musiksalon, eingerichtet im Stile des Spätbiedermeiers, kann der Besucher in das Leben zur Zeit des 19. Jahrhunderts eintauchen. Das Museum wurde 1997 als ein einzigartiges Zentrum zur Bewahrung und Pflege des Mendelssohnschen Erbe errichtet. Über 40.000 Gäste werden jährlich aus der ganzen Welt begrüßt. Das Mendelssohn-Haus wurde in das Blaubuch der Bundesregierung als ein „Kultureller Gedächtnisort mit besonderer nationaler Bedeutung“ aufgenommen.

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