Jeremias Schwarzer

Die europäische Eleganz um 1730

Blockflötist Jeremias Schwarzer und das neue Album „Le Ballet Imaginaire“

 Es ist die Eleganz, das Filigrane und das Tänzerische, das um 1730 musikalisch ganz Europa miteinander verband. Diese Atmosphäre fängt Jeremias Schwarzer auf seiner neuen CD „Le Ballet Imaginaire“ (VÖ: 3. Mai, Genuin) ein. Die Leichtigkeit, die Landesgrenzen überwindet, berührt noch heute den Hörer. Für das Album wählten Jeremias Schwarzer und der Cembalist Ralf Waldner Werke von Johann Sebastian Bach, Georg Friedrich Händel, Georg Philipp Telemann und Nicolas Chédeville. Viele Stücke dieser Aufnahme begleiten Jeremias Schwarzer seit frühester Zeit seiner Karriere und vereinen sich nun zu einem lebhaften imaginären Tanz. Es ist ein Programm zwischen Virtuosität und melodischer Empfindsamkeit, das die barocke Blockflöte in all ihren Facetten zeigt. 

„Le Ballet Imaginaire“ ist eine Hommage an die elektrisierende Wirkung der Musik um 1730, deren Qualität nicht nur an dem erst im 19. Jahrhundert aufkommenden Begriff des „Originalwerkes“ gemessen wird. Neben der besonderen Ausdruckskraft der ausgewählten Stücke, steht ein geistreiches Spiel der Identitäten im Mittelpunkt, das eine spannende Flexibilität von Stilen und Besetzungen hörbar macht. Selbst Plagiate könnten kaum schöner klingen: Nicolas Chédeville legte mit seiner Sonate g-Moll „Il Pastor Fido“ einen täuschend echten Vivaldi vor. Erst Ende des 20. Jahrhunderts korrigierten Wissenschaftler den eigentlichen Verfasser des Werkes und schrieben es Chédeville zu. Rätsel gibt auch Johann Sebastian Bachs Sonate a-Moll BWV 1020 auf. Neueste Forschungsergebnisse verweisen hier auf seinen Sohn Carl Philipp Emanuel als Autor. Hört man sie aber in enger Nachbarschaft zur hier ebenfalls aufgenommenen A-Dur Sonate BWV 1032 des „alten Bachs“, kann man darüber wieder ins genußvolle Grübeln kommen.

Nahezu alle Stile der Barockmusik, italienische Expressivität oder französische, feinsinnige Verzierungen, fließen in Georg Philipp Telemanns 12 Fantasien für Flöte solo zusammen. Die auf der CD zu hörenden Fantasien Nr. 3, 10 und 11 spielt Jeremias Schwarzer auf einer Voice Flute. Es handelt sich dabei um eine Tenorblockflöte auf d in der Originallage der Traversflöte. Für Telemanns Triosonate B-Dur TWV 42 wurde hier die filigrane Version der Darstellung mit zwei Spielern gewählt: Die Komposition fasziniert in dieser Interpretation mit Innigkeit in der Melodie und flirrender Virtuosität.

Ein wahres Schauspiel sind Georg Friedrich Händels Sonaten B-Dur HWV 377 und F-Dur HWV 369. Im Bruchteil von Sekunden verwandelt sich eine innige Blockflötensonate zum affektgeladenen Musikdrama und wieder zurück. Nach Herzenslust mixte Händel Zitate aus seinen älteren Werken und verband sie Dank seines unnachahmlichen Ideenreichtums mit opernhafter Dramatik und spritziger Rhythmik.

Jeremias Schwarzer hat sich als einer der bekanntesten Blockflötensolisten seiner Generation durch seine Virtuosität und Musikalität in der Welt der alten ebenso wie der neuen Musik einen hervorragenden Ruf erworben. Mit seinen Programmen und Projekten wirft er immer wieder ein neues Licht auf u.a die Rolle des Solisten sowie die Vielfalt und Lebendigkeit der musikalischen Aussage. Er ist ein experimentierfreudiger Konzertsolist, der den Hörer überrascht und den direkten Kommunikationsweg zu ihm sucht. Somit ist es nicht verwunderlich, dass gerade die Uraufführung von Salvatore Sciarrinos „4 Adagi“ für Blockflöte und Orchester mit der Filarmonica della Scala unter Daniel Harding in der Mailänder Scala (2008) große internationale Beachtung erzielte. Inzwischen hat Jeremias Schwarzer neben seiner Leidenschaft für das barocke Repertoire über 80 neue Werke zur Uraufführung gebracht. Im Radialsystem V Berlin entstanden 2015-2017 die inszenierten Konzertprojekte „Sounds and Clouds“ und „ALIF“, die in Zusammenarbeit mit der Kulturstiftung des Bundes und mehreren europäischen Festivals realisiert wurden. Hier befand sich das Publikum während der Aufführungen inmitten der Musiker und konnte so die Musik aus einer völlig neuen Perspektive erleben.

In der Saison 18/19 entwickelte Jeremias Schwarzer zusammen mit dem Konzertdesigner Folkert Uhde ein Labor-Projekt zur künstlerischen Forschung mit Musikstudierenden: Unter dem Titel „Spuren“ wird im Juli 2019 die Architektur der Nürnberger Kirche St. Sebald in einer musikalischen Raumkonzeption bespielt, die die verschiedenen architektonischen Schichten und Bedeutungsebenen des Gebäudes reflektiert.

Erstmals arbeitet Jeremias Schwarzer mit dem Komponisten Jörg Widmann zusammen. Beim UltraSchall Festival Berlin im Januar 2020 spielt er die Neufassung von Widmanns 5. Streichquartett in der Version mit Blockflöte (zusammen mit dem Minguet Quartett) sowie die Uraufführung eines Solowerkes des japanischen Komponisten Dai Fujikura. Für den Sommer 2020 ist ein neues Projekt mit dem Barockorchester Concerto Köln geplant, das in der Saison 2020/21 auf mehreren europäischen Festivals präsentiert wird. 

Jeremias Schwarzer ist auf den bedeutendsten Konzertpodien zu erleben, so im Prinzregententheater München, in der Alten Oper Frankfurt, im Muziekgebouw Amsterdam, der Tokyo Opera City Hall, der Harvard University, La Monnaie Brüssel u.a. Als Solist konzertierte er u.a. mit den Sinfonieorchestern des BR, SWR und HR, dem Konzerthausorchester Berlin, den Bamberger Symphonikern, dem Frankfurter Opern- und Museumsorchester, der Akademie für Alte Musik Berlin und dem Münchener Kammerorchester. Er unterrichtet als Professor für Blockflöte und Aktuelle Musik an der Hochschule für Musik Nürnberg, außerdem im Rahmen von Meisterkursen, Vorträgen und  Residenzen in Europa, den USA und Asien. Zahlreiche CD- Veröffentlichungen sind unter anderem bei Moeck, Neos, Wergo, HatHut und Channel Classics erschienen.

Le Ballet Imaginaire – Baroque Masterworks around 1730Jeremias Schwarzer, Recorder
Ralf Waldner, Cembalo 
VÖ: 3. Mai 2019

GENUIN classics, in Koproduktion mit BR Klassik 
LC12029
GEN 19646
Total: 79’26

01–04 J. S. Bach (1685–1750) Partita in C minor, after BWV 997
05–08 N. Chédeville (1705–1782) Sonate in G minor Il Pastor Fido 
09–11 G. Ph. Telemann (1681–1767) Fantasia X pour flute seule, TWV 40: 2–13 
12–14 G. F. Handel (1685–1759) Sonata in B-flat major, HWV 377 
15–17 J. S. Bach Sonata in A minor, BWV 1020 
18–19 G. Ph. Telemann Fantasia III pour flute seule, TWV 40: 2–13 
20–23 G. F. Handel Sonata in F major, HWV 369 
24–27 G. Ph. Telemann Trio Sonata in B-flat major, TWV 42: B4 
28–29 G. Ph. Telemann Fantasia XI pour flute seule, TWV 40: 2–13 
30–32 J. S. Bach Sonata in A major, BWV 1032